Ein bisschen was geht immer

 

 

Interview mit Dr. med. Johannes Mayer D.O.M.
Geriatrische Osteopathie: „Ein bisschen was geht immer“

 

von Christoph Newiger

 

 


Dr. med. Johannes Mayer D.O.M. ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteopathische Medizin e.V, DGOM, sowie Begründer und Leiter der Masterkursreihe „Geriatrische Osteopathie“. Im Dezember 2012 haben die ersten 10 Teilnehmer ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. 

 

 

Lieber Herr Dr. Mayer, die DGOM bietet eine Masterkursreihe Geriatrische Osteopathie an. Wieso ist für die osteopathische Behandlung älterer Menschen eine spezifische Osteopathie notwendig? Es heißt doch sonst Osteopathie allgemein komme für Menschen jeden Alters in Frage. 

Das ist prinzipiell richtig, aber das eigentliche Kernkonzept der Osteopathie - und darin unterscheidet sie sich von anderen Komplementärverfahren - ist der Fokus auf die Gesundheit, also der salutogenetische Aspekt. Genau dieser Aspekt greift bei geriatrischen Patienten kaum, teilweise auch gar nicht. Sie finden bei geriatrischen Patienten eine Vielzahl von strukturellen, altersbedingten Veränderungen, zahlreiche chronischen Erkrankungen und anderes mehr. Will man hier also Gesundheit finden, ist man meist zum Scheitern verurteilt.

Ziel der geriatrischen Osteopathie ist daher in erster Linie die Verbesserung und Wiederherstellung der Autonomie des Patienten bei Alltagsaktivitäten. Des weiteren geht es um die Prävention sekundärer Funktionsstörungen sowie die Prävention multisystemischer Erkrankungen.

Deshalb muss man sich in der geriatrischen Osteopathie ganz stark auf bestimmte Bereiche fokussieren z.B. Atmung, muskuloskeletale Funktion, Verbesserung und Stabilisierung der Flüssigkeiten, Verbesserung und Stabilisierung des autonomen Nervensystems und Schmerzlinderung, sowohl osteopathisch wie auch interdisziplinär.

Im Gegensatz zur normalen Osteopathie liegt der Fokus also auf den eingeschränkten Funktionen, die für den Alltag wichtig sind. Die Primärläsion ist nicht interessant, sondern die am meisten behindernde Läsion, erstere lässt sich meist gar nicht mehr herausfinden.

 

Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel verdeutlichen: Eine 91-jährige Patientin von mir, geistig total fit, litt an einer schweren Schulterarthrose. Sie war deshalb, wie sie selbst sagte „auf die Mistgurke von Schwiegertochter angewiesen, damit sie mich füttert und mir den Hintern putzt.“

Ich habe also versucht alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um ihr etwas mehr Beweglichkeit zu verschaffen. Die volle Beweglichkeit von Schultern und Armen lässt sich natürlich nicht wieder herstellen, aber das ist auch nicht notwendig. Es reichen die paar Grad, damit die Patientin ihre eigene Autonomie wiedererlangt. Es geht also immer darum, sehr pragmatisch die jeweilige Lebenssituation zu verbessern.

 

Ein anderes Beispiel: Einem 88-jährigem ehemaligem Physikprofessor war so schwindelig, dass er sich trotz Gehwagen nicht mehr aus dem Haus traute. Da gibt es keine primäre Läsion, die behandelt werden muss. Der Fokus muss hier ganz pragmatisch darauf gesetzt werden, den Schwindel soweit zu reduzieren, das sich der Patient mit dem Rollator wieder aus dem Haus traut. Mittlerweile nimmt er wieder den Bus und fährt allein in die Stadt.

 

Welche Erwartungen haben denn ältere Menschen an den sie behandelnden Osteopathen?

Die Erwartungshaltung vieler älterer Patienten liegt bei Null. Sie kommen oft auf Drängen, meist von Familienangehörigen, die man bereits osteopathisch behandelt hat. Und dann sitzen sie da und sagen, dies ist kaputt und das geht nicht mehr, aber mein Sohn oder meine Tochter wollten, dass ich unbedingt vorbeischaue. Die Erwartungshaltung ist also sehr niedrig, umso höher ist dann die Erfolgsquote. Denn was ich leisten kann, ist diesen Patienten mehr Autonomie, mehr Unabhängigkeit und Selbstständigkeit für eine verbesserte Alltagsqualität zu geben.

Der Fokus ist immer sehr pragmatisch: Schwindel reduzieren, eine bessere Koordination herstellen, Medikamente reduzieren, die Nierenfunktion verbessern, die Atmung verbessern.

Es kommt noch ein zusätzlicher Aspekt dazu: Der Osteopath ist häufig der einzige Mensch, der ältere Menschen berührt, und körperlich etwas mit ihnen macht. Das wird als extrem wohltuend empfunden. Die Patienten fühlen sich gut aufgehoben und fühlen gleich, dass sich etwas verbessert. Sie lassen sich deshalb sehr gut führen.

 

Und ältere Menschen sind keine Randgruppe! Zwei  Zahlen dazu: Pro Kalenderjahr steigt die durchschnittliche Lebenserwartung um drei Monate. Das heißt, bereits in 2020 werden Männer durchschnittlich 81 und Frauen 87 Jahre alt werden.

Kürzlich veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft der Obersten Gesundheitsbehörden der Länder (AOLG) Daten, wonach die Zahl der über 80-Jährigen innerhalb der nächsten 10 Jahre um 97 Prozent zunehmen wird!

 

Sie erwähnen auch geistige Fitness. Wie kann Geriatrische Osteopathie die geistige Fitness stärken?

Studien zeigen, dass Bewegungen, die mit positiven Emotionen verknüpft sind, die geistige Fitness stärken. Wenn ich also bei einem Patienten dessen Funktionalität soweit verbessern kann, dass er sich z.B. wieder selbständig in der freien Natur bewegen kann, dann tue ich damit auch etwas für seine geistige Fitness.

Ein anderes Beispiel ist Tanzen: Komplexe Bewegungen mit Musik zu verbinden, ist die perfekte Gehirnstimulation, sehr viel wirksamer als bloße Bewegungsgymnastik. Kann ich einem Patienten dazu verhelfen, stärke ich nicht nur sein subjektives Wohlbefinden, sondern auch seine geistige Fitness.

Zudem nutze ich das Konzept des Embodiments, also der Verkörperung. Es ist ja bekannt, dass sich psychische Zustände körperlich auswirken. Umgekehrt gilt gleiches. Wer z.B. mit seinen Gesichtsmuskeln lacht, ist auch innerlich froher. So gibt es bestimmte Bewegungsübungen, die der Patient auch in Eigentherapie anwenden kann und die ihn auch geistig fit halten.

 

Osteopathen sollten allgemein interdisziplinär arbeiten. Sie schreiben der geriatrischen Osteopathie aber eine besondere Lotsenfunktion für ihre Patienten zu.

Als Osteopath oder osteopathischer Arzt sitze ich an der Schnittstelle mit anderen Gesundheitsberufen. Ich telefonieren mit Krankengymnasten, mit Altenheimen, mit den behandelnden Hausärzten, mit den Angehörigen, immer in Hinblick auf einer Verbesserung der Funktionalität meines Patienten. Insofern geht meine Tätigkeit über die rein interdisziplinäre Zusammenarbeit hinaus, ich versuche für meine Patienten mit Hilfe der genannten Ansprechpartner den für sie richtigen Weg zu finden.

 

Kommen wir zu den konkreten Inhalten der Geriatrischen Osteopathie: Gibt es hier spezifische Techniken, deren Einsatz besonders angezeigt ist?

Ja, man kann sagen alle Arten von indirekten Techniken, die wir dann in der Geriatrie elegant miteinander kombinieren. Wir haben keine neue Methode erfunden, aber neue Settings, in denen wir verschiedene indirekte Methoden miteinander kombinieren. Als Beispiele sei die Kombination von Counterstrain mit Functional und MFR genannt. Besonders geeignet sind auch Still-Techniken, Advanced Myofacial-Techniken und die Becker-Techniken.

Letztere hatte Rollin Becker sein gesamtes Leben zur Behandlung somatischer Dysfunktionen entwickelt. Er palpierte zunächst den CRI in der somatischen Dysfunktion und arbeitete mit einer Induktionstechnik, anschließend folgte er dem Gewebe bis in den Stillpunkt. Dabei durchläuft man mehrere Phasen. Am Ende des Stillpunktes entwickelt die Potency ihre Kraft und es sortiert sich die gesamte Physiologie des Gewebes neu. Gerade bei schweren strukturellen Störungen kann man mit den Becker-Techniken immer noch eine Verbesserung der Physiologie erreichen.


Neben den Techniken setzt die Geriatrische Osteopathie große Kenntnisse in der Krankheitslehre voraus. Deshalb enthält unser Curriculum einen starken medizinischen Block. Darin verbinden wir die geriatrische Schulmedizin mit der osteopathischen Perspektive.

 

Sie haben die Masterkursreihe Geriatrische Osteopathie selbst entwickelt und leiten die Kursreihe. Wie ist die Idee dazu entstanden und gab oder gibt es Vorbilder?

Mein Schlüsselerlebnis war die eingangs erwähnte 91-jährige Patientin mit ihren Schulterschmerzen. Ihre Schultern habe ich damals mit der Becker-Methode behandelt. Ich habe dann fünf Jahre hingearbeitet um daraus ein ganzes Konzept zu entwickeln. Dazu bin ich viel gereist, ich habe viel gefragt, auch in Amerika, aber es gab kein schlüssiges Konzept. Klassische Osteopathie bei einem 90-Jährigen ist fruchtlos. Das Denken ist richtig, aber der Fokus muss verändert werden.   

Ich behandele immer nur wenige Probleme, meist nur zwei, diese aber sehr komplex.

Ich gehe sehr viel mehr auf die Wünsche und Freuden meiner Patienten ein. „Was macht Ihnen denn am meisten Freude?“, ist eine sehr wichtige Frage, die ich all meinen geriatrischen Patienten stelle. Man braucht eine hohe Empathie-Bereitschaft und muss sich einlassen können in die Lebensbedürfnisse der „Alten“. 

Ein weiteres Beispiel: Ein Senior mit 92 Jahren, geistig fit aber so schwindelig, dass er seiner Leidenschaft, dem Angeln, nicht mehr nachgehen konnte. In der Praxis habe ich ihn auf einen Stuhl gesetzt, so wie wenn er angeln würde, und ihn behandelt, bis er sich das Angeln ohne Schwindel wieder zugetraut hat.   

 

Im Dezember schließen die ersten Absolventen die siebenteilige Masterkursreihe mit einem Diplom ab. Welches Fazit lässt sich nach dieser ersten Kursreihe ziehen?

Mir ist aufgefallen, dass die Kollegen ein enormes Bedürfnis haben, zu lernen wie man mit älteren Patienten umgeht. Viele haben wenig Erfahrung mit älteren Patienten und deshalb Hemmungen. Speziell die nichtärztlichen Osteopathen trauen sich an komplexe Dinge nicht heran, dabei sind viele ältere Patienten multimorbid.

Da kommt ihnen das Konzept der Kursreihe sehr entgegen. Der personenzentrierte Fokus kommt sehr gut an, denn die Kursteilnehmer lernen, sich auf die Lebenssituation des Patienten einlassen und stellen dann fest: ein bisschen was geht immer!

 

Der nächste Einführungskurs startet im August 2013. Welche Voraussetzungen müssen Interessenten erfüllen, um an Ihrer Masterkursreihe teilzunehmen?

Sie müssen ihre Osteopathieausbildung abgeschlossen haben und eine gewisse Berufserfahrung mitbringen. Die Nachfrage ist erfreulicherweise groß genug, die Masterkursreihe ist ein Selbstläufer. Gegenwärtig sind neun Lehrer darin involviert. Pro Modul haben wir ca. 20 Teilnehmer, davon kommen 20 bis 30 Prozent von anderen Osteopathie-Schulen.

 

Wie steht es um die Forschung in der Geriatrischen Osteopathie? Gibt es interessante Studien dazu oder fristet das Thema ein Schattendasein?

Es gibt keine vernünftigen Studien dazu. Ich hoffe, dass jüngere Kollegen in das Thema  einsteigen werden, aber momentan fehlt es an Ressourcen. In den USA sind die meisten Osteopathen voll auf dem Trip beweisen zu wollen, das Osteopathie evidenzbasiert sei, was aus meiner Sicht wenig Sinn macht. Osteopathie ist empirisch und dies erfordert auch eine empirisch orientierte Forschung.

Es gibt zwei Bereiche, in denen die Osteopathie Alleinstellungsmerkmale besitzt, das ist in der Pädiatrie und in der Geriatrie. In der pädiatrischen Osteopathie werden derzeit viele Studien angefertigt, die geriatrische Osteopathie muss hier noch aufschließen.   

 

Lieber Herr Dr. Mayer, vielen Dank für das Interview.

 


© Osteopathische Medizin, Elsevier GmbH – Urban & Fischer,
www.elsevier.de/ostmed 

 

 

 

 

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