Berufspolitk, Ausbildung, Anerkennung

Auszug aus dem Artikel:
„Osteopathie. Teil III, Berufspolitik, Ausbildung, Anerkennung“
aus: Physiotherapie med, Heft 3/2009, Juni 2009

 

von Christian Hartmann

 

(...) Das Wichtigste zuerst: Osteopathie ist in nur sehr wenigen Ländern als eigenständiger Beruf im Sinne eines First-Contact Practitioners anerkannt. Ein eigenes Diagnoserecht besitzen Osteopathen zudem ausschließlich in den Vereinigten Staaten. Dort praktizieren sie als vollapprobierte Ärzte mit allen entsprechenden Rechten. Der Beruf wird an Colleges erlernt und die Absolventen erhalten den Titel D.O. (Doctor of Osteopathic Medicine). Berufspolitische Ereignisse Anfang des 20. Jahrhundert haben dazu geführt, dass die ursprünglich ganzheitlich orientierte, überwiegend mit den Händen aus-geübte Osteopathie dort kaum noch praktiziert wird. Gegenwärtig unterscheiden sich die Curricula der DOs und ihrer universitär ausgebildeten Kollegen, der MDs (Medical Doctor), nur noch durch wenige Stunden Osteopathic Manipulative Techniques (OMT) in den frühen Semestern. Dies erklärt, warum amerikanische Osteopathen entsprechend ihrer universitär ausgebildeten Kollegen organmedizinisch tätig sind. Nur ca. 3-5% der amerikanischen Osteopathen arbeiten noch im Sinne der klassischen Osteopathie mit manuellen Methoden. (3, 11)

 

In Europa genießt Osteopathie lediglich in England volle staatliche Anerkennung in Bezug auf Ausbildung und Anerkennung. Absolventen der osteopathischen Schulen erhalten den staatlich anerkannten Titel BSc Ost. Med. Zwar arbeiten englische Osteopathen ausschließlich mit den Händen an ihren Patienten, es muss allerdings erwähnt werden, dass man auch dort eher strukturell-pathologieorientiert und kaum funktionell-physiologieorientiert ausgebildet wird. Im Grunde unterscheidet sich die englische Osteopathie kaum von der modernen Chirotherapie, die in einigen Ansätzen sogar deutlich holistischer orientiert ist. (2, 12)

 

In den übrigen europäischen Ländern gestalten sich die gesetzlichen Bestimmungen derartig heterogen, dass eine sachliche Darstellung im Rahmen dieses Artikels nicht möglich ist.

 

In Deutschland ist die Osteopathie nicht als Beruf, wohl aber als Heilkunde anerkannt, d.h. ausschließlich Ärzte und Heilpraktiker dürfen Osteopathie per Gesetz ohne Weisungsbindung ausüben. Nach aktueller Rechtsprechung wird hierfür gewöhnlich eine 5-jährige berufsbegleitende bzw. 4-jährige Vollzeitausbildung vorausgesetzt. Physiotherapeuten ohne Heilpraktikerstatus müssen darauf achten, in der Außendarstellung „osteopathische Techniken im Delegationsverfahren“ anstatt „Osteopathie“ zu verwenden. Sie sind zudem weiter auf ärztliche Verschreibungen angewiesen. Darüber hinaus ist ihnen die Verwendung der Bezeichnung „Osteopath“ oder „Osteopathin“ untersagt, da dies einen eigenständigen Beruf vortäuschen würde. Diese Einschränkungen erklären, warum die meisten Physiotherapeuten bereits während der Osteopathieausbildung auch die Heilpraktikerprüfung ablegen. (7, 8, 10)

 

Ausbildung in Deutschland
Die Ausbildung zur Osteopathie erfolgt im deutschsprachigen Raum ausschließlich an Privatschulen. Eine gesetzlich verbindliche Ausbildungsverordnung mit festgelegtem Curriculum existiert lediglich in Hessen (WPO). Diese wird innerhalb der osteopathischen Szene allerdings aus diversen Gründen äußerst kontrovers diskutiert. Zudem läuft die hessische Lösung den Bemühungen international ausgerichteter Osteopathie-Verbände entgegen. (7)

 

Schulen in Deutschland
Da es keine bundesweit verbindliche Ausbildungsverordnung gibt, trifft man eine Vielzahl osteopathischer Ausbildungsstätten an, die man grob in drei Gruppen einteilen kann:

 

1. Ärztliche Institutionen
Die berufsbegleitende Ausbildung dauert bis zu ca. 700 Stunden und kann abhängig von der manualtherapeutischen Vorbildung und Praxis bereits in 2-3 Jahren absolviert werden. Es werden ausschließlich Ärzte und Physiotherapeuten zugelassen.

 

2. Nichtärztliche Institutionen
a) Berufsbegleitend ca. 1200 Stunden über 5 Jahre. Ein zusätzliches Jahr für die Erstellung einer Abschlussarbeit. Zugelassen werden gewöhnlich Medizinstudenten, Physiotherapeuten und Heilpraktiker; in Ausnahmefällen auch Mitglieder anderer Heilhilfsberufe, insofern diese schwerpunktmäßig manuell arbeiten.

b) 4-jährige Vollzeitausbildung. Zumeist wird das Abitur vorausgesetzt, evt. erfolgt auch eine Evaluierung der persönlichen Eignung.

 

3. Sonstige Institutionen
Kurzzeitausbildung, bzw. Ausbildung ohne Bindung an die großen berufspolitischen Entwicklungen. Zugelassen werden je nach Schule Bewerber unterschiedlichster Qualifikationen. Von einer Ausbildung an diesen Institutionen ist aus berufspolitischer Sicht dringend abzuraten, da es im Zuge der unvermeidlichen internationalen Akademisierung der Osteopathie wohl keine Brückenlösung für entsprechende Kurzausbildungen geben wird. Jeder, der sich aufgrund dieser Tatsache zu einer umfassenden Ausbildung entschließt, sollte sich allerdings darüber im Klaren sein, dass dies enorme finanzielle Belastungen und Einschränkungen des Privatlebens über mehrere Jahre mit sich bringt. Die erfahrungsgemäß ca. 20% Abbrecher im Lauf der der osteopathischen Ausbildung rekrutieren sich überwiegend aus zwei Gruppen: „Gesund-Macher“ bzw. „Heiler“ und Therapeuten, die Osteopathie lediglich aus wirtschaftlichen Überlegungen erlernen wollen. (...)

 

Titel und Abrechnung
In Deutschland ist die Vergabe eines Titels staatlich anerkannten Hochschulen (Fachhochschule, Universität) vorbehalten. In Ausnahmen ist die Vergabe eines „Diploms“ auch privaten Schulen erlaubt, die bereits anerkannte Berufe ausbilden und sich der entsprechenden und bundesweit geltenden Ausbildungsordnung unterwerfen. Da Osteopathie keine dieser Voraussetzungen erfüllt, ist die Vergabe eines staatlich anerkannten Titels nicht möglich. Auch die im Zusammenhang mit der Ausbildung oft verwendeten Begriffe wie, Diplom, Diplom-Osteopath/in, These, Studenten etc. sind in diesem Zusammenhang aus juristischer Sicht kritisch zu bewerten. Daher behilft man sich zunehmend mit der Vergabe von Schutzmarken, wie etwa die Bild-/Wortmarke „Osteopath - D.O.“ Fakt ist aber: In Deutschland ist der Erwerb eines osteopathischen Titels momentan noch nicht möglich. Und Fakt ist auch: Ein in Deutschland erworbenes „D.O.“ hat keinerlei inhaltliche Bedeutung (z.B. Diplom Osteopath o.ä.). (1, 5, 8, 10)

GKVs erstatten gewöhnlich keine osteopathische Leistungen, was sich auf absehbare Zeit und bei der gegebenen Wirtschaftslage auch nicht ändern wird. Privatkassen sind kulanter, insofern es sich beim Behandler um einen Arzt oder Heilpraktiker handelt. Daher legen fast alle Physiotherapeuten schon während ihrer osteopathischen Ausbildung auch die Heilpraktikerprüfung ab. Eine Abrechnung der Osteopathie über physiotherapeutische Rezepte (KG, mT, Naturmoor etc.) ist gesetzlich verboten. Ärzte, die bei einem der ärztlichen Organisationen ihre Ausbildung absolviert haben, können osteopathische Leistungen z.B. auch über die Ziffer 3306 (Chirotherapeutischer Eingriff an der Wirbelsäule) abrechnen. (10)

 

Berufspolitik – Ein Überblick
Wer zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Ausbildung in der sehr zukunftsträchtigen Osteopathie erwägt, sollte die gegenwärtige internationale Entwicklung zumindest grob kennen. Hier ist in den vergangenen Jahren nicht zuletzt aufgrund deutscher Initiativen enorme Bewegung in die Szene geraten. Größte Herausforderung ist dabei die Harmonisierung der heterogenen nationalen Lösungen. Insbesondere die unterschiedliche Situation in den Vereinigten Staaten (osteopathische Mediziner) zum Rest der Welt (Osteopathen) zwingt zu einer Kompromisslösung: Die Anerkennung des Osteopathischen Arztes (Medizinstudium mit/ohne Zusatzausbildung Osteopathie), sowie des Osteopathen. Wichtig hierbei: Die Osteopathen sollen weisungsunabhängig als vollwertige First-Contact Practicioner arbeiten. Inwieweit das Diagnoserecht dabei auch den Osteopathen gewährt wird, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. (7,13)

Die Ausbildung zum Osteopathen soll zudem möglichst rasch akademisiert werden und die Absolventen sollen gemäß dem Bologna-Abkommen den Titel BSc bzw. MSc (Ost. Med.) erhalten. Für Behandler, die bereits eine osteopathische Ausbildung absolviert haben, werden entsprechende Brückenlösungen erarbeitet, wobei wahrscheinlich das Belegen fehlender Module an Fachhochschulen bzw. Colleges möglich sein wird. Eine Akademisierung in Deutschland in diesem Sinn ist im Lauf der kommenden 10 Jahre wahrscheinlich. Eine Vollzeitausbildung bietet demnach langfristig die besten Aussichten im Berufsfeld Osteopathie tätig zu sein und auch zu bleiben. Es folgen die langjährigen Ausbildungen inkl. Abschlussarbeit, dann Osteopathen mit einer entsprechenden Ausbildung aber ohne Abschlussarbeit und schließlich alle anderen.

 

Wissenschaft und Forschung
Die medizinische Wissenschaft hat es bis heute als eine der wenigen wissenschaftlichen Disziplinen versäumt, die bahnbrechenden Erkenntnisse der Relativitäts- und Quantentheorie in ihren klinischen Alltag zu integrieren. Noch immer werden medizinische und physiotherapeutische Studien nahezu ausschließlich auf Basis eines veralteten morphologisch-deterministischen Paradigmas entwickelt (Stichwort: Evidence Based Medicine). Ein Großteil des Versagens der modernen Medizin bei chronischen und psychosomatischen Beschwerdebildern ist auf diese Tatsache zurückzuführen. (4,6)

Das neue medizinische Paradigma, zu dessen Vertreter sich die klassische Osteopathie zählt, betrachtet den Menschen hingegen als offenes System, dem in der Forschung mit kybernetischen, holistischen, quantentheoretischen, ja sogar philosophischen Überlegungen und Ansätzen begegnet werden muss. Hier geht es also weniger um systemischpräventives Versorgen, als vielmehr um individual-kuratives Behandeln. Selbstverständlich wird bei diesen Studiendesigns auch die Wirkung und Bedeutung der Behandler erfasst. Gerade in dieser unmittelbaren Integration nichtlinearer inter- und intrapersoneller Phänomene in die Behandlung liegt eine der größten Stärken der klassischen Osteopathie. (4)

Hier muss kritisch angemerkt werden, dass es leider auch innerhalb der osteopathsichen Forschung in Deutschland eine fast schon dogmatische Förderung monokausaler EBM-Studien mit Ziel einer beschleunigten wissenschaftlichen Anerkennung und als berufspolitischer Hebel gibt. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieses kurzfristige und statusorientierte Denken im Zuge des unvermeidlichen medizinischen Paradigmawechsels ändern wird.

 

Fazit
Osteopathie ist eigenständiges medizinphilosophisches Konzept mit dem Leitsatz seines Begründers Andrew Taylor Still (1828-1917): „Gesundheit zu finden ist Aufgabe des Arztes. Krankheit kann jeder finden!“ (9) Es handelt sich um einen, physiologieorientierten (positiven) Denkansatz, welcher das vertraute therapeutische Selbstverständnis als pathologie- und konzeptorientierten Gesundmacher grundlegend in Frage stellt. Im europäischen Raum und v.a. in Deutschland entwickelt sich die Osteopathie mehr und mehr zu einem bedeutenden Motor des neuen medizinischen Paradigmas. Zunehmende Kooperationen ärztlicher und nicht-ärztlicher osteopathischer Institutionen auf nationaler und internationaler Ebene, die Konkretisierung der Akademisierung und zunehmende Forschungsaktivitäten dürften diese Entwicklung beschleunigen und den Platz der Osteopathie im deutschen Gesundheitssystem weiter stärken. Soviel ist jedenfalls sicher: Andrew Taylor Stills Philosophie der Osteopathie wird in Deutschland noch für einiges Furore sorgen. (...)

 

Literaturauswahl
1 FHS tG §5: Akademische Grade
2 Collins, Osteopathy in Britain: The First Hundred Years, Booksurge
Llc, 2005
3 Gevitz, The DOs: Osteopathic Medicine in America, The Johns
Hopkins University Press, 2004
4 H anzl, Das neue medizinische Paradigma, Haug, 2003
5 H artmann, Juristisches Gutachten zur Osteopathie, 08/08, unveröffentlicht
6 Kuhn, Theorie von der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen,
Suhrkamp, 2007
7 Mayer et al., Deklaration: Osteopathie, EROP, 2009
8 Medenbach, Der Akademiker-Report: Das Führen ausländischer
akademischer Grade in Deutschland, Wolf-Verlag, 2006
9 Still, Das große Still-Kompendium, JOLANDOS , 2005
10 Urteil des LG Düsseldorf vom 24. Juli 2006 (Aktenzeichen: 12
O 66/05)
11 Ward et al., Foundations for Osteopathic Medicine, Lippincott
Williams & Wilkins, 2002
12 http://www.pubmedcentral.nih.gov/articlerender.fcgi?artid=1669035
13 Schmidt et al., Editorial, Osteopathische Medizin (2005) Jahrg. 6, S.1

 

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